Vision


Vision

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Vi|si|on [vi'zi̯o:n], die; -, -en:
a) übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung:
die Visionen der Apokalypse.
b) optische Halluzination:
sie hat öfter Visionen.
c) in jmds. Vorstellung besonders in Bezug auf Zukünftiges entworfenes Bild:
die Vision eines geeinten Europas; sie wollte ihre künstlerische, politische Vision verwirklichen.
Syn.: Utopie.

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Vi|si|on 〈[ vi-] f. 20
1. Traumgesicht, Erscheinung
3. eine (schwärmerisch entworfene) Idee od. Vorstellung für die Zukunft, Zukunftsperspektive
● eine \Vision für das nächste Jahrzehnt entwerfen [<mhd. vision „Traumgesicht“ <lat. visio, Gen. visionis „das Sehen, Anblick, Erscheinung, Vorstellung“; zu videre „sehen“]

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Vi|si|on , die; -, -en [mhd. vision, visiun = Traumgesicht; Erscheinung < lat. visio (Gen.: visionis) = das Sehen; Anblick; Erscheinung, zu: visum, Visage]:
a) übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung:
die -en der Apokalypse;
b) optische Halluzination:
sie hat öfter -en;
c) in jmds. Vorstellung besonders in Bezug auf Zukünftiges entworfenes Bild:
die V. eines geeinten Europas, vom Übermenschen;
sie wollte ihre künstlerische, politische V. verwirklichen;
-en für das 21. Jahrhundert.

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I
Vision
 
[v-; lateinisch visio, visionis »das Sehen«, »Anblick«, »Erscheinung«, »Schau«, zu videre »sehen«] die, -/-en, den religiösen Menschen unerwartet überkommende oder von ihm bewusst herbeigeführte Gesichtswahrnehmung, die vom Wahrnehmenden unabhängige Aspekte der Wirklichkeit jenseits der jeweiligen sinnlich-empirischen Gegebenheiten zu beschreiben scheint und häufig mit Audition oder auch anderen Sinneseindrücken verbunden ist. Visionäre Erfahrungen sind in allen Kulturen bekannt und sind Bestandteil religiöser Kulte. Medien der Herbeiführung von Visionen, oft mit Ekstase oder Trance, sind Gesang, Tanz, Askese, Selbstkasteiung und die Einnahme von Drogen. Visionen können u. a. der Berufung (z. B. bei Religionsgründern), der religiösen Eingliederung (Schau des Totemtiers) oder der Annäherung an das Heilige (z. B. Gottesschau) dienen. Häufig ist die Vision Aufgabe von religiösen Spezialisten (Propheten, Mystiker, Sufis, Schamanen, Kultmedien). Visionen sind oft vom Traum nicht klar abgehoben und liegen nahe an Autosuggestion und Halluzination und damit auch am religiösen Wahn. Ihre Formen und ihre Bewertung unterscheiden sich ihrem sozialen Kontext entsprechend. C. G. Jung deutete Visionen psychologisch als Inhalte des kollektiven Unbewussten.
 
Im Alten Testament spielen Visionen v. a. bei den Propheten eine Rolle. Die Visionsberichte zeigen einen typisierten Stil; Bilder aus dem Alltag, aus mythologischen (Gottesfeuer in Amos 7, 4 ff.; himmlische Hofstaat in Jesaja 6) oder israelitischen Traditionen (Sinaitradition mit Rauch, Beben in Jesaja 6) fließen mit ein. Die späteren Visionsberichte (besonders im Buch Daniel) nähern sich dem apokalyptischen Visionstypus, der nur teilweise, oft aber gar nicht auf ein visionäres Erlebnis zurückgeht, sondern traditionelles Bildgut in neuer Symbolfüllung vorträgt. Das Neue Testament schildert Visionen im Zusammenhang der Berufung (»Damaskuserlebnis«) des Paulus (Apostelgeschichte 9) und im Bericht über die Taufe des Hauptmanns Kornelius (Apostelgeschichte 10), v. a. finden sie sich jedoch in der Apokalypse des Johannes.
 
Als Visionsliteratur wird eine zur religiösen Offenbarungsliteratur gehörige literarische Gattung des Mittelalters bezeichnet. Die Mehrzahl der Aufzeichnungen ist in lateinischer Sprache verfasst. Da sie der religiösen Belehrung und Erbauung dienten, wurden sie häufig abgeschrieben und oft auch in Volkssprachen übersetzt. Selbstaufzeichnungen der Visionäre, die zumeist einem geistlichen Stand angehörten, aber auch Laien sein konnten wie der holsteinische Bauer Godescalc (12. Jahrhundert), sind selten. In der Regel haben des Lateins und des Schreibens kundige Vertraute, z. B. Beichtväter der Mitschwestern, (häufig allegorische) Bearbeitungen und Stilisierungen nach der mündlichen Erzählung vorgenommen. Im Früh- und Hochmittelalter bestimmten die Schrecken oder Freuden des Jenseits den Inhalt der Visionen, z. B. der »Visio Fursei« (7. Jahrhundert), der »Visio Wettini« des Reichenauer Abtes Heito (✝ 836) oder des »Liber visionum« Otlohs von Sankt Emmeram. Ihren Höhepunkt erlebten Jenseitsvisionen im 12. Jahrhundert; zu nennen sind hier die Visionen Hildegards von Bingen und Elisabeths von Schönau (✝ 1164) sowie die verbreiteste Vision des Mittelalters, die »Visio Tnugdali« des irischen Mönches Marcus. Die - ihrer Zahl nach stark anschwellenden - Visionen des Spätmittelalters, bei denen anstelle von einmalig erlebten Visionen oft Visionssammlungen treten, haben überwiegend die mystische Begegnung des Sehers mit Christus (Unio mystica) oder die Marienverehrung zum Gegenstand; hier dominieren bei weitem als Seherinnen begabte Frauen, u. a. Hadewijch, Gertrud von Helfta, Agnes Blannbekin (✝ 1315?), Birgitta von Schweden, Katharina von Siena bis hin zu Theresia von Ávila im 16. Jahrhundert Von den Aufzeichnungen der ekstatisch erlebten Visionen zu trennen sind fiktive, literarische Visionen, wie sie v. a. Dante in der »Divina Commedia« wiedergibt. (Mystik)
 
 
E. Benz: Die V. Erfahrungsformen u. Bilderwelt (1969);
 P. Dinzelbacher: V. u. V.-Lit. im MA. (1981);
 
Mittelalterl. V.-Lit. Eine Anthologie, hg. v. P. Dinzelbacher: (1989);
 P. Dinzelbacher: »Revelationes« (Turnhout 1991);
 K. Rahner: Visionen u. Prophezeiungen (Neuausg. 1989);
 A. Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung (a. d. Engl., 191997).
 
II
Vision,
 
Halluzination, bei der ein in der Zukunft liegendes Ereignis oder eine außerhalb der räumlichen Wirklichkeit liegende Begebenheit »gesehen« wird. Visionen kommen u. a. bei religiös-ekstatischen Erlebnissen (Ekstase), unter Hypnose oder im Fieberdelirium sowie in Zuständen herabgesetzten Bewusstseins vor.
 

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Vi|si|on, die; -, -en [mhd. vision, visiun = Traumgesicht; Erscheinung < lat. visio (Gen.: visionis) = das Sehen; Anblick; Erscheinung, zu: visum, ↑Visage]: a) übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung: die -en der Apokalypse; b) optische Halluzination: Wieder narren die -en, er hört seinen Namen rufen, sieht drüben am Silbersattel die wartenden Freunde (Trenker, Helden 270); während ... die V. der weißen Bänke im Kiespark, das bunte Kleid seiner Tante ... vor ihm auftauchte, die er glaubte für immer vergessen zu haben (Jens, Mann 62); sie hat öfter -en; c) in jmds. Vorstellung bes. in Bezug auf Zukünftiges entworfenes Bild: die V. eines geeinten Europas, vom Übermenschen; Das ist kein Boden, auf dem -en (große Entwürfe für die Zukunft) gedeihen und Arbeitsplätze wachsen können (Welt 25. 4. 97, 9); Da kam ein Mann nach Deutschland, der zum ersten Mal die Sprache der heutigen Generation spricht, der eine V. der Zukunft zu geben vermag (Dönhoff, Ära 178); Cotta ... suchte in seinen Erinnerungen vergeblich nach einer mit Echos Erzählungen vergleichbaren V. des Weltuntergangs (Ransmayr, Welt 170); Ein konventioneller Krieg schreckte, gemessen an der V. eines nuklearen Krieges, niemanden mehr (Brückner, Quints 82); sie wollte ihre künstlerische, politische V. verwirklichen; Minister Heinz Riesenhuber sucht -en für das 21. Jahrhundert (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 39, 1992, 4); Man ... hat die schauerliche V., in einer Wüste von Staub, die eng und weit zugleich ist, sterben zu müssen (Koeppen, Rußland 51).

Universal-Lexikon. 2012.

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